Die Geschichte soll nicht kindlich werden, sondern warm, geheimnisvoll
und ein wenig romantisch. Jedes Bild wird ein eigenes Kapitel, das wir
später weiterschreiben können. Noch weiß niemand, ob der gefürchtete
Pirat wirklich so hart ist, wie alle sagen.
Mit ihrem Beutel voller Muscheln lief Lina durch die Piratenstadt.
Zwischen Holzstegen, Laternen, Stimmen und fremden Liedern führte
jeder Schritt tiefer in ein Viertel, in dem man besser nicht zu
lange zögerte. Über dem Markt hing ein Schild, doch darunter
warteten mehr als nur Händler und Preise.
Er galt als gefürchtet, und selbst laute Piraten wurden leiser,
wenn sie an seinem Stand vorbeigingen. Lina legte ihre Muscheln auf
den Tresen und hielt seinem Blick stand, obwohl er wirkte, als
könnte er Stürme zum Schweigen bringen. Für einen Moment sagte
keiner von beiden etwas, und genau darin begann das Geheimnis.
Bevor Lina zum Markt ging, bevor sie den gefürchteten Händler traf und
bevor die Muscheln auf der Insel eine eigene Bedeutung bekamen, lebte
sie allein dort, wo der Wind am ehrlichsten war: direkt am Meer.
Linas Hütte stand zwischen Palmen, Treibholz und dem Rauschen der Wellen.
Lina war eine Piratentochter. Das sagten die alten Leute auf der Insel
so, als wäre es eine Erklärung für alles: für ihren sturen Blick, für
ihr Lachen im Sturm und dafür, dass sie nie lange an einem Ort stehen
blieb. Ihre Eltern waren vor vielen Jahren zur See gefahren. Manche
sagten, sie hätten einen Schatz gesucht. Andere flüsterten, sie seien
einem Schiff gefolgt, das es eigentlich gar nicht geben dürfte.
Lina wusste nur, dass sie nicht zurückgekommen waren. Niemand konnte
ihr sagen, ob sie verschollen, gefangen oder irgendwo hinter dem
Horizont noch am Leben waren. Also lernte sie, mit dieser Frage zu
leben, ohne ihr jeden Tag die Tür zu öffnen.
Was die Insel ihr gab, nahm Lina dankbar an: Beeren, Kräuter, Holz und manchmal ein gutes Zeichen.
Ihre Hütte hatte sie aus Treibholz, altem Segeltuch und den Resten
eines zerbrochenen Ruderbootes gebaut. Wenn es regnete, tropfte es an
drei Stellen hinein. Wenn der Wind stark wurde, sang das Segeltuch wie
ein müdes Schiff. Lina mochte dieses Geräusch. Es erinnerte sie daran,
dass die See nie wirklich still war.
Am Morgen sammelte sie Beeren hinter den Dünen und fischte mit einer
Leine, die sie selbst geflochten hatte. Sie war nicht reich, aber sie
war aufmerksam. Sie wusste, welche Pflanzen man meiden musste, wo die
Fische bei warmem Wasser standen und welcher Himmel einen Sturm brachte.
Fisch war oft ihr Abendessen, aber manchmal auch das Einzige, das sie auf dem Markt tauschen konnte.
Einmal in der Woche ging Lina zum Markt. Sie trug dann ihren besten
Gürtel, band die Haare fester zusammen und legte alles in ihren Korb,
was sich tauschen ließ: ein paar Fische, dunkle Beeren, trockenes Holz
und Muscheln, die nach Regen besonders schön glänzten.
Die Händler waren nicht grausam, aber auch nicht weich. Für einen
kleinen Fisch bekam Lina ein Stück Brot. Für Beeren manchmal eine Kerze.
Für Muscheln meist nur ein Lächeln, das nicht ganz ernst gemeint war.
Lina bettelte nie. Sie merkte sich nur jedes Gesicht.
Auf dem Markt lernte Lina früh, dass manche Preise laut genannt werden und andere nur im Blick liegen.
Doch eine Muschel tauschte sie nie. Sie war heller als die anderen,
fast silbern, mit einer feinen Linie, die aussah wie eine kleine Welle.
Lina glaubte, sie als Kind schon einmal gesehen zu haben: in der Hand
ihrer Mutter, kurz bevor das Schiff ihrer Eltern auslief.
Vielleicht war das nur eine Erinnerung, die sich schöner machte, als
sie gewesen war. Vielleicht war es aber auch der Anfang von etwas, das
lange vor Lina begonnen hatte. An manchen Abenden hielt sie die Muschel
gegen das letzte Licht und fragte sich, ob ihre Eltern denselben Himmel
sahen.
Am Abend blieb Lina oft am Wasser sitzen und wartete auf ein Segel, das vielleicht nie kam.
In dieser Nacht träumte sie von einem Marktstand im Schatten, von einer
rauen Stimme und von einem Piraten, vor dem alle anderen auswichen. Als
Lina am Morgen erwachte, lag die silberne Muschel neben ihrer Hand.
Sie war warm.
Und weit draußen auf dem Meer zog ein Schiff vorbei, dessen schwarze
Segel sie noch nie zuvor gesehen hatte.